CDU setzt sich Facebook-Spott aus

NT-V.de 12.07.2011

Thessa lässt grüßen
CDU setzt sich Facebook-Spott aus

von Till Schwarze
Der Bumerang fliegt zurück: Weil einige CDU-Politiker nach dem Sturm auf Thessas Geburtstagsfeier Facebook-Partys den Kampf ansagten, wollen nun Tausende Mitglieder des Netzwerks ihrerseits CDU-Veranstaltungen stürmen. Denn auch die CDU-Events sind öffentlich einsehbar. Die Partei reagiert entsetzt: "Das ist Aufforderung zum Hausfriedensbruch."
Die CDU Hasloh erlebt derzeit einen ungewohnten Ansturm. Tausende wollen bei dem Sommerfest der Partei am 20. August dabei sein, darunter bekennende Sozialdemokraten, Piraten, Grüne und politikferne Jugendliche. "Ich freue mich tierisch", schreibt die eine. "Das wird a Moardsgaudi", ein anderer. Dem CDU-Verband ist dieser plötzliche Zuspruch allerdings überhaupt nicht recht. "Das ist eine Aufforderung zum Hausfriedensbruch", sagt Pressesprecher Michael Witt auf Anfrage von n-tv.de. "Die Veranstaltung ist abgesagt."
Mittlerweile mehr als 3000 Personen haben sich im Internet-Netzwerk Facebook als Gäste zum Sommerfest der CDU Hasloh angemeldet. Ein überraschend großes Interesse für den Ortsverband einer Gemeinde mit etwas über 3400 Einwohnern. Aus ganz Deutschland wollen Partyfreunde kommen, um mit der CDU zu feiern. Ein schlechter Scherz? "Wir nehmen das sehr ernst", sagt Witt. Deshalb die Absage. Weitere Schritte müssten geprüft werden.

Schuld ist Schünemann

Die CDU in Hasloh ist Opfer von Internetaktivisten geworden. Schuld daran ist die Partei insgesamt sowie die Unachtsamkeit des Hasloher Ortsverbandes. Ganz offensichtlich rächen sich die tausenden Facebook-Nutzer nun für die Internet- und Partyschelte, die einige CDU-Politiker nach dem Sturm auf die Geburtstagsparty der jungen Hamburgerin Thessa betrieben haben. So war etwa Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann mit der Forderung nach einem Partyverbot vorgeprescht, als 1600 Gäste vor der Haustür der Schülerin standen und die Polizei auf den Plan riefen. Das Mädchen hatte die Einladung auf dem sozialen Online-Netzwerk versehentlich für alle sichtbar veröffentlicht. Der bayerische CSU-Innenminister Joachim Herrmann unterstützte die Forderung Schünemanns und warnte, aus einer harmlosen Geburtstagseinladung könne schnell ein massives Sicherheitsproblem werden.
Den gleichen Fehler hat nun der Ortsverband in Hasloh begangen. Parteichefin Dagmar Steiner stellte die Veranstaltung als "öffentlich" ein. "Alle Mitglieder, Hasloher und Freunde sind herzlich willkommen", heißt es da. "Das Sommerfest ist eine öffentliche Veranstaltung," bestätigt Pressesprecher und Parteivize Witt. Doch spricht er von einer "eingeschränkten Öffentlichkeit": Seit Jahrzehnten würde die CDU für ihre Feste mit Plakaten und im Radio werben. Doch richteten sich diese Einladung natürlich nur an Anwohner, Parteimitglieder, Freunde und Bekannte. Also nur die Öffentlichkeit, die von der CDU gewünscht ist.
In einer Pressemitteilung, die Witt am Abend verschickt hat, heißt es: "Niemand hat das Recht zu Spotten oder darauf jede öffentliche Veranstaltungen zu besuchen. Jeder hat das Recht zu vertrauen. Jeder hat das Recht an das Telefon zu gehen wenn es klingelt. Niemand hat das Recht zu belästigen. Jeder hat das Recht eine Veranstaltung zu machen. Auf Facebook ist unser Vertrauen und das des Grundstückseigentümers missbraucht worden."

Öffentlich heißt ungeschützt

Die Absage des Sommerfests ist auf Facebook bislang nur in einigen Kommentaren auf der Veranstaltungsseite durchgedrungen. Witt erklärt das Problem: Da die CDU-Vorsitzende als Administratorin derzeit im Urlaub sei, könne er nicht auf das Facebook-Profil zugreifen und die Veranstaltung löschen.
Solange kann im Internet noch jeder Facebook-Nutzer weitere Freunde zu der öffentlichen Veranstaltung einladen. Denn wer wie die Hasloher CDU sein Fest dort nicht nur eingeschränkt zugänglich macht, ist vor einer unkontrollierten Verbreitung in dem Netzwerk ungeschützt. Diese Erfahrung musste auch Guido Kaupat vom CDU-Stadtverband im südhessischen Dietzenbach machen, dessen Sommerfest sich gleichfalls digitaler Beliebtheit erfreut.
Für den 21. August hatten sie auf das Vereinsgelände der Schützengesellschaft geladen. Doch war der Ansturm im Netz so enorm, dass Kaupat die Facebook-Seite kurzerhand sperrte. Kommentieren ist jetzt nicht mehr möglich. Als "Service" schaffte vermeintliche politische Konkurrenz einen Ersatz: "Die Partei", gegründet vom Satiriker Martin Sonneborn, kopierte den Termin und sammelte bislang mehr als 750 Zusagen. Kaupat zufolge kamen in der Vergangenheit sonst bloß 150 Gäste.

Dietzenbach freut es

"Warum auch nicht zur CDU gehen", kommentiert der politische Geschäftsführer des hessischen "Die Partei"-Landesverbandes, Jan Steffen. Ziel des Volks sei es offensichtlich, die Hüpfburg zu besichtigen und am Luftballonwettbewerb teilzunehmen. Neben Mitgliedern des Landesverbandes, der sich als "kleine, schmierige und populistische Partei" beschreibt, haben Steffen zufolge auch Genossen aus Hamburg und Berlin ihr Kommen angekündigt - "um den Dialog mit dem politischen Gegner zu suchen".
Die CDU in Dietzenbach hat vorsichtshalber die Polizei eingeschaltet, um mit dem möglichen Ansturm fertig werden zu können. "Gegebenenfalls hat sich 'Die Partei' strafbar gemacht", erklärt Kaupat. Er ist sich zwar sicher, dass der Anlass satirisch und humoristisch gemeint war. "Ich glaube aber, dass es ihnen entgleitet irgendwann." Wer Geld zahle und lange Anfahrtswege auf sich nehme - wie im Fall Thessa - meine das nicht mehr nur lustig.
Noch blickt Kaupat dem 21. August aber gelassen entgegen. Und ein bisschen freut er sich sogar über den Facebook-Hype: "So viel Presse hat ein Sommerfest in Dietzenbach noch nie gehabt."
Die SPD hat von der Begeisterung für politische Sommerfeste noch nichts abbekommen, wie eine Sprecherin sagt. Vielleicht liegt es an der internetpolitischen Linie der Sozialdemokraten, vielleicht ist es Glück. Die SPD werbe jedenfalls weiterhin bei Facebook für ihre Veranstaltungen. Frei nach dem Credo des Netzwerks: "gefällt mir".