Mehr Praxis bei der Ausbildung

OP-Online - 24.10.2012

Dietzenbach - Es war die Aufgabe von André Steinheimer, den authentischen Zungeschlag der Basis in die Diskussion einzubringen. Von Barbara Scholze

Anlässlich der Bildungskonferenz der Kreis-SPD unter dem Motto „Perspektiven und Herausforderungen für Schulen“ im Bürgerhaus schilderte der zweifache Schulvater seine Sorgen. „Wir sind als Eltern sehr unzufrieden mit der Situation“, sagte Steinheimer, der sich in der Elternarbeit sowohl an der Ernst-Reuter- als auch an der Heinrich-Mann-Schule engagiert. Er frage sich, wie ein Lehrer bei etwa 30 Schülern noch durchdringen könne. Und wie man Eltern zur Mitarbeit an Schulen gewinne. „Aber vor allem möchten wir wissen, wen wir mit solchen Sorgen überhaupt ansprechen können. “.

Mit diesen Stellungnahmen holte der Elternvertreter das Gespräch der Bildungsprofis auf dem Podium in die Realität zurück. Unter der souveränen Moderation von Carsten Müller, Unterbezirksvorsitzender der SPD, hatten sich drei Spezialisten zu Kurzreferaten versammelt. Mathias Brodkorb (SPD), Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern, versuchte sich am Blick von außen, Heike Habermann, schulpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, überlegte, wie es besser geht, und Ulrike Alex, Lehrerin in Dietzenbach und zuständig für das Thema Bildung bei der Kreistagsfraktion, plauderte ein bisschen aus der Lehrerpraxis. Dabei blieb keines der üblichen Themen außen vor: frühkindliche Bildung, Ganztagsschule, Lehrerbildung sowie Lehrergesundheit und -bezahlung. Auch die Frage nach der Schulstruktur, also dem Schulsystem, so wie es derzeit gegliedert ist, wurde zwar von den Experten immer wieder als unwesentlich abgetan, tauchte aber regelmäßig in den Bekundungen der Gäste auf.

Auf die Fragen Steinheimers wagte schließlich Heike Habermann eine Antwort. Eltern sollten ruhig konkrete Forderungen entwickeln und damit auch mal an das Kultusministerium und die Öffentlichkeit gehen. Dass die Steinheimerschen Aussagen indes nicht nur für Dietzenbach gelten, darin waren sich alle einig. „An den Schulen im Ort wird hervorragende Arbeit geleistet“, betonte unter anderem Georg Köhler, Leiter der Dietzenbacher Ernst-Reuter-Schule aus dem Publikum heraus.

„Schulsystem leidet unter Regierungswechseln“

Den Bogen zu den grundsätzlichen Überlegungen in der Bildungspolitik spannte schließlich Georg Horcher, Leiter des Fachdienstes Jugend, Familie und Soziales beim Kreis Offenbach, der ebenfalls die Veranstaltung im Bürgerhaus besuchte. „Sind die Schulen überhaupt reif für unsere Kinder?“, fragte er. Gelte die These, „es gibt keine schlechten Schüler, sondern nur schlechte Schulen“, wäre zum Beispiel auch die Strukturdebatte unter ganz anderen Gesichtspunkten zu betrachten.

Der langfristigen Bildungsplanung stünde regelmäßig der „Hype um empirische Bildungsforschung samt aktionistischer Programme“ entgegen, befand Minister Brodkorb. Dem stimmte Habermann zu: „Wir können aus den Ergebnissen der Bildungsstudien nur wenig herausziehen, eine Schule in Eschborn ist nicht mit einer Schule in Dietzenbach vergleichbar, das ist auch eine Frage der Ausstattung.“ Das hessische Schulsystem habe zudem unter den häufig wechselnden Landesregierungen gelitten, „da wurde ständig etwas Neues auf den Weg gebracht“, so Habermann. Es sei daher an der Zeit, Grundprinzipien in der Bildungspolitik länderübergreifend zu regeln. Auch an der Lehrerbildung müsse gearbeitet werden. „In die erste Studienphase gehört mehr Praxis, es gibt immer noch zu viele, die im Referendariat scheitern.“

Habermann empfahl eine Umstellung des Lehramtsstudiums auf Bachelor- und Masterabschlüsse, wobei der Master Grundvoraussetzung fürs Lehramt sein müsse. Hinsichtlich des gegliederten Schulsystems sei die Zeit der Hauptschule längst vorbei, „da muss endlich ein Schlussstrich gezogen werden“. Die neuerdings von der Landesregierung propagierte Wahlfreiheit der Schulen beim Abitur nach acht oder nach neun Jahren sei nur eine vermeintliche. „Da wird der Schutt wieder den Schulen vor die Tür gekippt.“ Viel sinnvoller sei es, die Oberstufe so zu modularisieren, dass die Schüler selbst entscheiden können, nach wie vielen Jahren sie ihren Abschluss machen.