Mehr Raum zum Erwachsenwerden

OP-Online - 27.04.2012

Dietzenbach -   War es – wie so oft – ein nettes Gespräch ohne Folgen? Oder geschieht jetzt etwas? Solcherart Gedanken bewegten Dominik Jünger am Ende der Veranstaltung. Von Barbara Scholze

Gelauscht hatte der Mittzwanziger als einer der wenigen Vertreter seiner Generation mehr als zweieinhalb Stunden lang einem Austausch zwischen Fachleuten und Gästen zum Thema „Offene Jugendarbeit in Dietzenbach“. Er hörte, wie die Vertreter auf dem Podium und im Publikum Argumente austauschten, positive und negative Beispiele nannten und Positionen bezogen. Nur die Frage „Und was machen wir jetzt damit?“ konnte ihm am Ende keiner beantworten.
Eingeladen zu der Informations- und Diskussionsveranstaltung hatte der Verein „Kinder- und Jugendwelten“. „Wir wollen auch ein Sprachrohr für den Nachwuchs sein“, begründete der Vorsitzende Bernd Blesenkemper die Initiative. Für fachliche Fragen standen neben Erstem Stadtrat Dietmar Kolmer (CDU) und Hans-Jürgen Daum, Abteilungsleiter Jugendhilfe und Soziale Arbeit, auch Stefan Heinzmann von der Goethe-Uni Frankfurt und Hans-Jörg Lange, Geschäftsführer des Bundes der Jugendfarmen, zur Verfügung. Georg Horcher, Leiter des Fachdienstes Jugend, Familie und Soziales beim Kreis Offenbach vervollständigte die Expertenrunde. Die Moderation des Abends hatte Christoph Zöllner, Leiter der Dietzenbach-Redaktion unserer Zeitung, übernommen.

Zwei Positionen standen im Raum

Wie bei Diskussionen um die Jugendarbeit in Dietzenbach seit Jahr und Tag üblich, standen auch an diesem Abend wieder zwei Positionen im Raum, die sich partout nicht annähern: Auf der einen Seite blicken Engagierte aus Verwaltung und Institutionen mit Fug und Recht stolz auf ein ausgefeiltes Angebot mit Hausaufgabenhilfe, Box- und Sportprojekten sowie Treffs im Bildungshaus. Auf der anderen Seite stehen ebenso Aktive, denen ein im wahrsten Sinn des Wortes offener Bereich in der Jugendarbeit fehlt. „Die Jugendlichen haben hier keine Lobby, sie treffen sich an Tankstellen und auf Spielplätzen“, sagte etwa Rudolf Reitz (GDL). Nicht selten führe dabei die „rudimentäre Jugendarbeit“ zu einer negativen Haltung der jungen Bürger ihrer Stadt gegenüber. „Jugendliche wollen einfach mal irgendwo sein und keine Leistung erbringen“, ergänzte Ulrike Alex (SPD).
Jugendamts-Chef Horcher warnte indes vor zu großen Erwartungen: „Offene Jugendarbeit erreicht nur etwa zehn Prozent der Jugendlichen“, sagte er. Das mache sie aber noch lange nicht überflüssig. Auf der anderen Seite werde die Diskussion um Kinder- und Jugendarbeit kreisweit zu sehr unter dem Aspekt geführt, den Nachwuchs fit für den Arbeitsmarkt zu machen. „Dabei werden alle anderen Anforderungen an junge Menschen beiseite geschoben, etwa die Identitätsfindung oder die Abkopplung vom Gängelband der Eltern.“ Vor allem die 10- bis 16-Jährigen seien eine vergessene Altersgruppe. Es müsse ein Angebotsmix entstehen, in dem sich jeder wiederfinden könne.

Bürger und Verwaltung müssen die Ideen im Kopf kreisen lassen

Zeit für das Brems-Argument Geld: Trotz der desolaten Haushaltslage werde er sich dafür einsetzen, die Investitionen im Kinder- und Jugendbereich nicht zurückzufahren, versprach Stadtrat Kolmer. „Es ist aus meiner Sicht völlig falsch, hier zu sparen.“ Die Hoffnung auf weitere Silberlinge machte Horcher zunichte. „Es gibt keine konkreten Pläne, der Stadt Dietzenbach mehr Geld zuzuweisen.“
Mit der Idee, die bereits fließenden Mittel möglicherweise zielgenauer zu verwenden, setzte der Fachdienstleiter so etwas wie ein Fazit des Abends. „Wir haben bereits eine Palette von Maßnahmen, wir sollten nun den Bedarf bestimmen und definieren“, schlug Thomas Wegener (CDU) vor.
Und noch einen weiteren Gedanken nahmen die Besucher mit nach Hause: Für eine zukunftsgerichtete Jugendarbeit müssen Bürger und Verwaltung die Ideen im Kopf kreisen lassen und dabei althergebrachte Strukturen vergessen, nach denen es irgendjemand schon richten wird. „Ich kann Ihnen nur Mut machen: Wenn wir immer gewartet hätten, bis die Politik uns Geld zur Verfügung stellt, hätten wir diese Einrichtungen nicht“, sagte Jugendfarm-Chef Lange.