Unternehmen an die Hand nehmen

OP-Online - 02.06.2012

Dietzenbach -   Igepa-Drissler, Rewe und jetzt auch noch der Jeans-Hersteller Mavi: Dass das türkische Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern nach Heusenstamm zieht (zehn Mitarbeiter verbleiben in der Kreisstadt), tue ihm „richtig weh“, sagt CDU-Fraktionschef Helmut Butterweck. Von Nina Beck

Verstehen könne er das nicht: „Wir hätten doch sicher Möglichkeiten gehabt, hier etwas anzubieten. Es gibt genügend freie Gewerbeflächen. “ Von einem Verlust spricht er, von einer „Fehlleistung der Wirtschaftsförderung“ auch.
Gerade erst hat seine Fraktion eine Anfrage an den Magistrat gestellt, dieser möge Auskunft über die Höhe des Budgets der städtischen Wirtschaftsförderung (Business Partner Dietzenbach) und die tatsächlichen Ausgaben geben. „Wir fordern mehr Transparenz“, so Butterweck, „wollen wissen: Was ist gemacht worden? Warum gibt es keine Erfolge?“ – Letzteres im Hinblick auf die „geplante Abwanderung von mehreren Hundert Arbeitsplätzen aus Dietzenbach“. Bürgermeister Jürgen Rogg nenne die Ansiedlung von EAB und Cavotec zwar gerne als positive Beispiele, „aber es sind auch ganz schöne Verluste zu verzeichnen“. Die Förderung der Kontakte zu China sieht auch der CDU-Chef positiv, „das darf aber anderes nicht ausschließen“. Zudem bezweifle er, dass das Budget für Werbebanner in der Stadt, die auf die Wirtschaftsförderung verweisen, gut angelegt sei. „Die nimmt doch nur der Durchreiseverkehr wahr.“
„Die Wirtschaftsförderung hat uns über ihre Aktivititäten regelmäßig informiert“, hält Ulrike Alex (SPD) dagegen. Wer anderes behaupte, sei wohl nicht dabei gewesen. Zudem habe das Parlament einer Erhöhung des Budgets für die Wirtschaftsförderung selbst zugestimmt. Zwar häuften sich derzeit die Hiobsbotschaften, sie gehe aber davon aus, dass „der Bürgermeister viel unternimmt“. Es sei schwer, die Situation zu beurteilen, ohne den Einzelfall zu kennen. Manchmal sei es „einfach nur Pech“, wenn eine Kommune die geforderte Gewerbefläche nicht vorhalten könne. „Wenn sich’s aber häuft, muss man ein Auge darauf haben.“


„Bitter für Dietzenbach“

Mindestens genauso wichtig wie die Akquise, „wo einiges ja ganz gut gelungen ist“, sei die Bestandspflege am Ort: „Man muss gewissermaßen das Ohr an den Firmen haben“, sagt Alex. WIR-BfD-Chef Harald Nalbach, möchte sich derzeit nicht äußern, sondern den Sachverhalt lieber „mit dem Team der Wirtschaftsförderung selbst klären“, wie er sagt.
Andrea Wacker-Hempel (GDL) dagegen wundert sich „außerordentlich“, dass Mavi die zur Expansion benötigten Flächen hier nicht finden konnte. Noch im August hatte Mavi-Vorstand Emin Cezairli seine Zufriedenheit mit dem Standort ausgedrückt, aber auch erwähnt, dass das Unternehmen größere Lagerflüchen suche. „Wenn solche Mieter wegbrechen, muss man sich doch fragen, was ist passiert?“ sagt Wacker-Hempel. „Bitter für Dietzenbach“ sei das, „wir verlieren ja damit auch Gewerbesteuer.“
Er bedauere es, dass Mavi wegziehe, sagt FDP-Chef Artus Rosenbusch. Jedoch wolle er keine Schuldzuweisung vornehmen. Bei einem Unternehmensumzug spielten die unterschiedlichsten Aspekte eine Rolle. Er stehe der Wirtschaftsförderung „sehr positiv“ gegenüber, sie mache ihre Sache gut.


Hightech-Hersteller mit rund 100 Arbeitsplätzen will sich ansiedeln

Einen Wirtschaftsstandort imagemäßig aufzubauen, gehe nicht von jetzt auf gleich, sagt Bürgermeister Rogg. „Das ist eine Aufgabe von Jahren.“ Seit anderthalb Jahren nun bilde die Wirtschaftsförderung Netzwerke, mache über Werbeaktivitäten und Messebesuche auf den Standort aufmerksam. Auch Firmenbetreuung laufe heute um einiges intensiver als früher: „Wir nehmen die Unternehmer gewissermaßen an der Hand, gehen einzelne Schritte durch.“
Die Forderung nach mehr Transparenz kann Rogg nicht nachvollziehen. „Das Parlament hat das Budget verabschiedet, es steht im Haushalt.“ Zudem habe es einen zehn Seiten langen Bericht über die Aktivitäten der Wirtschaftsförderung, Ansiedlungen und mehr gegeben. Dass einer Kommune aufgrund individueller, unternehmerischer Entscheidungen Arbeitsplätze verloren gehen, komme vor. Andererseits würden auch neue geschaffen: Noch in diesem Jahr etwa soll sich ein Hightech-Hersteller mit rund 100 Arbeitsplätzen hier ansiedeln, verrät Rogg, der von Kirchturmdenken bekanntlich nichts hält. „Unser Konkurrent sitzt nicht in Isenburg oder Heusenstamm, sondern außerhalb.“ Der Kreis Offenbach profitiere von jedem Unternehmen, das hier verbleibe und nicht abwandere. Eine gemeinsame Flächenvermarktung und Wirtschaftsförderung wäre wünschenswert, so Rogg. „Das wird aber noch einige Zeit dauern.“